Beitrag des polnischen Vorsitzenden Prof. Robert Traba zur Arbeit und heutigen Bedeutung der Kommission

(Dialog 113/2015)

 

 

Sitzung des Präsidiums der Schulbuchkommission 2015

Foto: B. Dziewanowski-Stefańczyk

Am 29./30. Mai 2015 kam das Präsidium der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission zu seiner jährlichen Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung standen verschiedene Publikationsprojekte, besonders der aktuelle Stand des deutsch-polnischen Geschichtsbuches und das Projekt eines Quellenbandes zur polnischen Geschichte in deutscher Sprache. Auch eine Reihe anderer aktueller Fragen der Arbeit der Kommission wurden besprochen. Gefördert wurde die Sitzung aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Photo: Instytut Studiów Politycznych PAN

Am 14. Januar 2015 starb im Alter von 84 Jahren der renommierte polnische Historiker Professor Jerzy Holzer

Die Bedeutung Jerzy Holzers für das Verständnis der deutschen Geschichte und der deutsch-polnischen Beziehungen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit seinen Publikationen zur Geschichte Deutschlands in der Weimarer Zeit und während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wie auch mit seinem herausragenden Werk über das Europa des Kalten Krieges (2013) gehörte er zur Riege der bedeutendsten europäischen Historiker.

In den schwierigen Zeiten der Volksrepublik zeigte er stets nicht nur eine würdige staatsbürgerliche Haltung, sondern engagierte sich auch aktiv in der demokratischen Oppositionsbewegung.

Nach dem Wendejahr 1989 wirkte er wesentlich dabei mit, die polnische Wissenschaftslandschaft neu zu gestalten. So war er Mitbegründer des renommierten Instituts für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Über viele Jahre hinweg war er Mitglied des Präsidiums der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Er unterstützte nicht nur die Idee eines polnischen historischen Instituts in Berlin, sondern wirkte nach dessen Gründung – zuerst als Wissenschaftliches Zentrum, später als Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften (2006) – auch aktiv an Projekten mit und brachte dabei stets sein Wissen und seine Erfahrung mit ein.

Im Frühjahr 2014 ernannte das Präsidium der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission Professor Jerzy Holzer einstimmig zu seinem Ehrenmitglied. In seinem Antwortschreiben führte er aus: „Ich nehme die mir zuteil gewordene Ehre selbstverständlich gerne an, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich dieser tatsächlich in ausreichendem Maße würdig bin. Da diese Entscheidung aber nun einmal so getroffen wurde, bleibt mir nichts übrig, als dazu zufrieden zu nicken.“

 

Prof. Robert Traba        

XXXV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz “Kulturlandschaften. Akteure und Modi ihrer Konstruktion und Narration”

11.-15. Juni 2014: Ciążeń (Adam-Mickiewicz-Universität Posen/Poznań)

Vom 11.-15. Juni 2014 veranstaltete die gemeinsame Schulbuchkommission in der früheren Bischofsresidenz Ciążeń ihre XXXV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz unter dem Titel „Kulturlandschaften. Akteure und Modi ihrer Konstruktion und Narration”. Damit verband sie entsprechende Forschungen aus der Geschichtswissenschaft, der Geographie und den Literaturwissenschaften und verortete sich in breiteren Forschungskontexten zu Raum und Landschaft. Die zentralen Bezugspunkte bildeten dabei deutsch-polnische Grenzräume sowie Erfahrungen aus der deutschen und polnischen Forschung.

Kulturlandschaft wird verstanden als eine durch den Menschen geformte natürliche Umgebung. Sie ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und beeinflusst gleichzeitig dessen Formung. Dadurch steht sie für einen wesentlichen indentitätsstiftenden Faktor, bildet sie doch einen räumlichen Rahmen des Gedächtnisses (Jan Assmann). Das „Lesen” der Landschaft (Robert Traba) ermöglicht die Entdeckung weiterer kultureller Schichten (Palimpsest), die zusammen die Kulturlandschaften ausmachen und die Menschen, die in ihnen leben, prägen und beeinflussen.

Die Konferenz gliederte sich in fünf Sektionen: „Kulturlandschaften: Begriffe – Definitionen – Konzeptionelle Zugriffe”, „Kulturlandschaften im Spannungsfeld von Wissenschaft und Didaktik”, „Räumliche und symbolische Aneignung von Kulturlandschaften”, „Wandel von Kulturlandschaften und nachhaltige Entwicklung” sowie „Landschaft und kulturelles Erbe”. Die Tagung bildete den Rahmen für fachwissenschaftliche Diskussionen mehrerer Dutzend ausgewiesener Experten aus den Fächern Geschichte, Geographie, Soziologie, Kunstgeschichte und auch aus dem künstlerischen Bereich.

Das Ziel der Konferenz war eine interdisziplinäre Beschäftigung mit der Rolle, die Kulturlandschaften in Gesellschaften, speziell in den deutsch-polnischen Beziehungen, spielen. Dies erfolgte durch die Analyse von Kulturlandschaften in polnischen und deutschen Schulbüchern sowie den Versuch, die genannten Forschungen über die Landschaft an didaktische Fragen rückzukoppeln. Thema waren nicht zuletzt auch die Akteure, die die Vorstellungen von Kulturlandschaften sowie die Modi ihrer Konstruktion und Instrumentalisierung beeinflussen. In den Vorträgen ging es des Weiteren um die Einflüsse von Politik, Wirtschaft und Kommunikation auf die Landschaft sowie ihre kulturelle Umformung. Im Rahmen der Konferenz fanden auch zwei Studienexkursionen statt – zum Thema des Lesens der Landschaft von Ciążeń, Konin und Umgebung. Teil des Programms war eine Diskussion des Films „Erinnerung an Arbeit” gemeinsam mit dessen Regisseur Stephan Stroux.

Im Rahmen der Sitzung des Präsidiums der Schulbuchkommission wurden aktuelle Fragen der Arbeit der Kommission sowie zukünftige Aktivitäten besprochen.

Veranstalter der Konferenz waren die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung und die Adam-Mickiewicz-Universität Poznań.

Gefördert wurde die Konferenz von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań und dem Auswärtigen Amt.

Konferenzprogramm

Verleihung des Maria-Wawrykowa-Preises an Manfred Mack

Fotos: Wojciech Olejniczak, Fundacja Tres

Im Rahmen ihrer XXXV. Deutsch-Polnischen Schulbuchkonferenz im Juni 2014 in Ciążeń hat die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission Manfred Mack (Deutsches Polen-Institut Darmstadt) mit dem Maria-Wawrykowa-Preis geehrt. Die Kommission würdigte damit Manfred Macks langjähriges Engagement im deutsch-polnischen Schulbuchdialog und besonders sein Wirken als Multiplikator bei der schulischen Vermittlung der Anliegen der gemeinsamen Schulbuchkommission.

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission verleiht seit 2005 alle zwei Jahre einen Preis für besondere Leistungen im Rahmen des deutsch-polnischen Schulbuchdialogs. Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, das Wissen um die Geschichte des Nachbarlandes wie auch der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte im Schulunterricht zu vergrößern und für unterschiedliche Arten ihrer Erinnerung zu sensibilisieren.

Seit dem Tod Maria Wawrykowas (1925-2006) trägt der Preis der Schulbuchkommission ihren Namen. Maria Wawrykowa  war 1972 eine der Mitbegründerinnen der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und war fast 30 Jahre lang eine der tragenden Säulen ihrer Arbeit. Maria Wawrykowa hatte das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Nach dem Krieg studierte sie Geschichte. Ab 1975 war sie Professorin für Geschichte an der Universität Warschau, mit Schwerpunkt auf der deutschen Geschichte und den deutsch-polnischen Beziehungen des 19. Jahrhunderts.

Frühere Preisträger waren die Historiker Andrzej Garlicki, Wolfgang Jacobmeyer und Zofia Kozłowska, der Journalist Jürgen Vietig sowie der polnische Gründungsvorsitzende der Schulbuchkommission Władysław Markiewicz.

Preisverleihung in Warschau 2012

Hohe Auszeichnungen für Mitglieder der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission

Im Rahmen einer Festveranstaltung an der Warschauer Universität erhielten anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission mehrere ihrer langjährigen Mitglieder hohe Auszeichnungen: Klaus Zernack (Deutscher Vorsitzender von 1987-2000), Włodzimierz Borodziej (Polnischer Vorsitzender von 1997-2007), Jerzy Holzer (langjähriges Präsidiumsmitglied) und Michael G. Müller (Deutscher Vorsitzender von 2000-2012) wurde mit den KEN-Medaillen (Komisja Edukacji Narodowej) die höchste Auszeichnung des Polnischen Bildungsministeriums zuteil. In seiner Laudatio dankte der stellvertretende Bildungsminister Mirosław Sielatycki den vier Professoren für ihre Beiträge zur Vertiefung des deutsch-polnischen Dialogs in Bildungsfragen.

Zuvor hatte die deutsch-polnische Schulbuchkommission Władysław Markiewicz mit dem Maria-Wawrykowa-Preis geehrt. Mit dieser Auszeichnung ehrt die Schulbuchkommission Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um den deutsch-polnischen Schulbuchdialog verdient gemacht haben. Mit seinem langjährigen Engagement im deutsch-polnischen Dialog und als Gründungsvorsitzender der Schulbuchkommission habe Władysław Markiewicz – so Rudolf von Thadden in seiner Laudatio – die Annäherung der beiden Länder im Bereich der Wissenschaft nachhaltig mit gestaltet.

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission wurde 1972 unter der Schirmherrschaft der UNESCO und auf maßgebliche Initiative von Georg Eckert hin gegründet und wurde zu einer institutionalisierten Plattform des Dialogs zwischen deutschen und polnischen Historikern und Geographen. Ihr 40-jähriges Jubiläum steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Republik Polen Bronisław Komorowski und des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Am 24. Mai begeht das Georg-Eckert-Institut das 40-jährige Jubiläum der Kommission mit einem feierlichen Festakt in Braunschweig.

Programm der Preisverleihung und Podiumsdiskussion an der Universität Warschau, 16. April 2012

Festakt 40 Jahre Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission

200 geladene Gäste hörten an dem Ort, an dem Georg Eckert und Władysław Markiewicz im Oktober 1972 die Gründungsurkunde der Schulbuchkommission im Rahmen der UNESCO unterzeichnet hatten, die Einschätzungen von Vertretern aller wichtiger an der Kommission beteiligten Institutionen. So würdigte etwa Staatsministerin Cornelia Pieper vom Auswärtigen Amt die Kommission als „bleibendes, herausragendes Beispiel dafür, wie sich auch in Zeiten politisch verhärteter Verhältnisse Formen der Kooperation gestalten lassen, wenn man sich auf gesellschaftlicher Ebene zu einem offenen Dialog zusammensetzt.“ Auch der polnische Botschafter Marek Prawda oder die Vertreter der Deutschen bzw. der Polnischen UNESCO-Kommission, Verena Metze-Mangold und Sławomir Ratajski, würdigten den Pioniercharakter der Arbeit der Kommission in den 1970er Jahren. Auf das „Leuchtturmprojekt“ (Pieper) des gemeinsamen Geschichtsbuches und seinen Einsatz in den deutschen Ländern bezogen sich vor allem der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik und der Vertreter des niedersächsischen Kultusministeriums Heiner Hoffmeister.

Mit ganz neuen Perspektiven auf die Schulbuchkommission und das gemeinsame Schulbuchprojekt wartete Adam Michnik in seinem Festvortrag auf. Er riet – auch in aktuellen Diskussionen – dazu, bei der Beurteilung des deutsch-polnischen Verhältnisses dieses nicht zu stark zu verengen, sondern etwa um die Faktoren Russland und Ukraine zu erweitern.

Im Rahmen des Festaktes wurden die von der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission maßgeblich mit gestalteten Empfehlungen für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch als Publikation innerhalb der neuen Reihe „Eckert. Expertise“ vorgestellt.

Programm des Festaktes 40 Jahre Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, Braunschweiger Altstadtrathaus, 24. Mai 2012

Jubiläumskonferenz 2012

XXXIV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz

„Religiöse und konfessionelle Räume in den deutsch-polnischen Beziehungen. Forschung und Darstellung im Unterricht“
Georg-Eckert-Institut Braunschweig, 24.-26. Mai 2012

Dass die Schulbuchkommission trotz ihres Engagements im Projekt „Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch“ auch weiterhin bestrebt ist, fachwissenschaftliche Impulse zu setzen, zeigte sie mit ihrer Konferenz unter dem Titel „Religiöse und konfessionelle Räume in den deutsch-polnischen Beziehungen. Forschung und Darstellung im Unterricht“.

Lange Zeit waren auch in der Geschichtswissenschaft konfessionelle Elemente als Momente der nationalen Abgrenzung begriffen worden. Doch die Parameter der Analyse haben sich verändert und ins Zentrum des Interesses gerückt sind konfessionelle Räume, die nicht deckungsgleich mit nationalen Räumen sind. Die die Konferenz durchziehenden, von Michael G. Müller eingeführten Ordnungsbegriffe waren erstens die der Handlungsräume, die – etwa bei der Kirchenorganisation oder bei konfessionellen Bewegungen – in engem Zusammenhang zu politischer Gemeinschaftsbildung stehen und fast immer transnational funktionieren. In den Kontext von Handlungsräumen gehört etwa der Faktor Religion im Zuge der Herrschaftsbildung und die Bedeutung der Annahme des Christentums bei der Modernisierung gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen. Zweitens wurde nach virtuellen Räumen gefragt – nach Räumen der Projektion und der imaginierten Gemeinsamkeit.

Methodologisch konstitutiv für die Konferenz der Schulbuchkommission war es, die Akteure ins Zentrum der Untersuchungen zu stellen und nach den Logiken ihres Handelns bei der Entstehung und dem Wandel konfessioneller Räume zu fragen. Anhand von Fallbeispielen aus den verschiedensten Kontexten kann geschlossen werden, dass konfessionelle Räume ihre je eigenen Entwicklungslogiken besitzen und es gleichzeitig verschiedene, sich überlappende konfessionelle Landschaften und religionspolitische Agenden geben kann.

In zwei getrennten Sitzungen befassten sich die Geographen mit „Migration im deutsch-polnischen Kontext“. Die Beiträge spannten den Bogen von Migrationstheorien, Wohnsitzverlagerungen im Grenzgebiet und der Bildung von grenzüberschreitendem Regionalbewusstsein, dem Migrationsverhalten der „kreativen Klasse“, zu Suburbanisierungsprozessen um polnische und deutsche Großstädte und internationalen Wanderungen am Beispiel der polnischen Migration in den Großraum Dublin. 

Das abschließende Panel der Konferenz war dem Verhältnis von „Religion und Raum“ gewidmet. Religiöse Orte wie Kirchen werden im Grenzraum zu Stätten, die im Rahmen zivilgesellschaftlicher Wiederaufbauinitiativen für Werte wie Versöhnung, Verständigung und Ökumene stehen. Der abschließende Beitrag reflektierte den Landschaftsbegriff und seine Bedeutungsfelder und thematisierte die Bedeutung des Symbolischen bei der religiösen Deutung und Aneignung von Landschaft. Hier wurde der Bedarf deutlich, sich intensiver mit der Fragestellung von „Raum“ und „Landschaft“ zu beschäftigen – ein Thema, das für die nächste Schulbuchkonferenz ins Auge gefasst wurde.

Diese wird allerdings unter einem neuen deutschen Vorsitzenden tagen: Michael G. Müller (Halle) hat nach 12 Jahren sein Amt als deutscher Co-Vorsitzender an Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen) übergeben, bleibt aber gemeinsam mit Robert Traba (Berlin/Warschau) Vorsitzender des Expertenrates des Projektes „Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch“.

Programm der XXXIV. Deutsch-Polnischen Schulbuchkonferenz