Nachruf auf Klaus Zernack (1931-2017)

Foto: GEI-Archiv. Prof. Zernack bei der deutsch-polnischen Schulbuchkonferenz in Szczecin/Stettin (2005).

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission der Historiker und Geographen trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Zernack (1931-2017). Er war Gründungsmitglied des Präsidiums der Schulbuchkommission (seit 1972), aktiv an ihrer Arbeit über 45 Jahre beteiligt und von 1987 bis 2000 Vorsitzender. Durch seine Konzepte einer Neubewertung der Rolle Preußens („negative Polenpolitik“) für die deutsch-polnischen Beziehungen und einer Beziehungsgeschichte, mit der er spätere modische Ansätze einer „Verflechtungsgeschichte“ und einer „histoire croisée“ vorwegnahm, hat er über Jahrzehnte die Arbeit der Schulbuchkommission geprägt.

Zernack, dessen Familie aus der Neumark stammte und der in Berlin aufwuchs und studierte, war biographisch durch die katastrophale deutsch-polnische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Als Mitarbeiter und Schüler von Herbert Ludat erwarb er 1956-1966 in Gießen eine breite Ausbildung der Osteuropäischen Geschichte vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte, die er in der Folge auf Professuren in Frankfurt a.M. (1966-1978), Gießen (1978-1984) und Berlin (1984-1999) einem wachsenden Schülerkreis vermittelte und die in eine große Zahl von akademischen Qualifikationsschriften mündete.

Zentrales Anliegen Zernacks war eine wissenschaftliche deutsch-polnische Annäherung, wobei er in beiden Historiographien zentrale Kompetenzen für eine moderne europäische Geschichte sah. Er legte auf das Erlernen gerade der damals exotischen slawischen Sprachen viel Wert (sein Motto: „Sprachen lernen. Viel lesen. Gründlich nachdenken“) und bemühte sich den nach dem Krieg abgebrochenen deutsch-polnischen Wissenschaftsaustausch zu beleben. Zu diesem Zweck lud er Dutzende von Wissenschaftlern und Doktoranden nach Gießen, Frankfurt und Berlin ein, wo er seit den 1980er Jahren mit der „Historischen Kommission zu Berlin“ und dem „Forschungsschwerpunkt Ostmitteleuropa“ (heute GWZO Leipzig) Institutionen prägte und mitbegründete. Zahlreiche polnische Gelehrte und Historiker wurden durch diese Aufenthalte und Austauschprogramme in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit geformt.

Klaus Zernack besaß großes Ansehen unter polnischen Wissenschaftlern, was durch zwei Ehrendoktorwürden (Adam Mickiewicz-Universität Poznań 1989, Universität Warschau 1997) zum Ausdruck kam. Seine Arbeiten wurden ins Polnische übersetzt, insbesondere sein Opus Magnum „Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte“ (Polska i Rosja: dwie drogi w dziejach Europy. Warszawa 2000) und seine Studien zur preußisch-polnischen Verflechtungsgeschichte (Niemcy – Polska. Z dziejów trudnego dialogu historiograficznego. Poznań 2006) fanden eine breite polnische Rezeption. In seiner Tätigkeit vertrat er dediziert die Idee einer gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte. Er unterstützte polnische Kollegen in Aufenthalten und Kontakten in Deutschland und griff selbst immer wieder auf innovative Arbeiten polnischer Kollegen, etwa Gerard Labudas oder Benedykt Zientaras, zurück.

Innerhalb der Schulbuchkommission spielte er durch seine fundierten Kenntnisse der polnischen Geschichtsschreibung, seine Liberalität und seine Sensibilität für die polnische Perspektive eine zentrale Vermittlerrolle. Wir betrauern unseren langjährigen akademischen Lehrer, Kollegen und Freund und werden sein Werk fortsetzen.

Europa im Fokus: Ein Geschichtsbuch für Deutschland und Polen

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Die brandenburgische Ministerin für Bildung, Jugend und Sport, Britta Ernst, und die polnische Ministerin für Nationale Bildung, Anna Zalewska, stellten das Lehrbuch am 20. November 2017 in Kreisau/Krzyżowa gemeinsam vor. (Foto: Marcin Biodrowski)

Ende September ist der zweite Band der gemeinsamen Geschichtsbuchreihe „Europa – Unsere Geschichte“ in Deutschland und Polen erschienen. Der Band rückt Zusammenhänge und Gegensätze geschichtlicher Entwicklungen in Europa und der Welt von der Neuzeit bis 1815 in den Blick und zeigt in neuartiger Weise, wie historische Ereignisse in unseren Gesellschaften erinnert werden.

Schülerinnen und Schüler erarbeiten etwa die Entstehung moderner Verfassungen in den USA, Polen und Frankreich in unmittelbarem Bezug aufeinander. Sie werden so ermuntert, die gemeinsame Geschichte von ungewohnten Standpunkten und anhand neuer Fragen zu durchdringen. Auf diese Weise möchte das Lehrwerk transnationale Perspektiven auf den Lehrstoff eröffnen und den Dialog über Geschichte und Erinnerung befördern.  

Die von den Verlagen Eduversum und WSiP verlegte Schulbuchreihe soll im deutschen und polnischen Geschichtsunterricht in identischer Form, lediglich in unterschiedlichen Sprachfassungen, eingesetzt werden. Bedeutsam ist, dass es sich nicht um ein ergänzendes Unterrichtsmaterial, sondern um ein den Lehrplänen entsprechendes Schulbuch für das Fach Geschichte handelt. Zielgruppe in Deutschland ist die Sekundarstufe I. Die gesamte, auf vier Bände ausgelegte Reihe erscheint bis 2020, ihr erster Band liegt seit Sommer 2016 vor.

Die Einzelbände entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen den Verlagen, Autoren, wissenschaftlichen Koordinatoren und Experten für bestimmte Epochen aus beiden Ländern. Die fertigen Kapitel spiegeln das Ergebnis eines langen Prozesses der Diskussion darüber wider, wie eine Perspektive in einem Schulbuch zur Geltung gebracht werden kann, die für unterschiedliche Sichtweisen, Interpretationen und geschichtsdidaktische Zugriffe bei der Darstellung der Vergangenheit sensibilisiert. Unterstützt durch eine Vielzahl von Maßnahmen wie Lehrerfortbildungen wird die Lehrwerkreihe breit in die Schulpraxis beider Länder implementiert werden. Die offizielle Vorstellung von Band 2 fand am 20. November 2017 in der internationalen Jugendbegegnungsstätte in Krzyżowa/Kreisau statt.

Die wissenschaftliche Koordination des Projekts hat das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung gemeinsam mit dem Zentrum für historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften inne. Gefördert wird es auf deutscher Seite durch die Kultusministerkonferenz unter Federführung des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg sowie das Auswärtige Amt. Polnische Förderer sind das Ministerium für Nationale Bildung, das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten sowie das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe, hinzu kommt die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Das Projekt eines gemeinsamen Geschichtsbuchs profitiert in hohem Maße von den Erfahrungen der seit 1972 arbeitenden deutsch-polnischen Schulbuchkommission, die für ihre Arbeit im Juni 2017 mit dem Viadrina-Preis ausgezeichnet wurde.  

Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission erhält Viadrina-Preis – Festakt am 9. Juni 2017

Foto: Heide Fest
Foto: Heide Fest
Foto: Emmanuelle Hébert

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission der Historiker und Geographen wurde am 9. Juni 2017 mit dem Viadrina-Preis ausgezeichnet, der jährlich an Persönlichkeiten vergeben wird, die sich um die deutsch-polnische Verständigung verdient gemacht haben.

An der feierlichen Preisübergabe wurden stellvertretend für die Gemeinsame Schulbuchkommission Prof. Dr. Robert Traba von der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg von der Universität Gießen sowie Mitglieder des Präsidiums der Kommission für ihr langjähriges Engagement geehrt. Dabei wurden vor allem die Verdienste der Kommission gewürdigt, das gemeinsame Geschichtsbuch „Europa. Unsere Geschichte“ für Schulen in Deutschland und Polen zu erarbeiten (polnische Ausgabe erschien bei WSiP, deutsche Ausgabe – beim Verlag Eduversum). Das auf vier Bände angelegte Geschichtsbuch zur europäischen und Globalgeschichte ist mit den jeweiligen Lehrplänen kompatibel und für den regulären Einsatz im Schulunterricht in Deutschland und Polen bestimmt.

Zum Viadrina-Preis:
Seit 1999 verleiht die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) jährlich den mit 5.000 Euro dotierten Viadrina-Preis an Persönlichkeiten, die sich um die deutsch-polnische Verständigung verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen u. a. der Übersetzer Karl Dedecius (1999), der Nobelpreisträger Günter Grass (2001), die polnischen Publizisten Adam Michnik (2000) und Adam Krzemiński (2006) sowie der frühere polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki (2009), Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff (2010), der polnische Komponist Krzysztof Penderecki (2011), der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland a. D. Hans-Dietrich Genscher (2012) und der Bürgerrechtler und Publizist Wolfgang Templin (2015).


Erklärung der Vorsitzenden der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen

Im Zusammenhang mit der in deutschen Bildungsmedien und Schulbüchern vorkommenden Verwendung von Begriffen wie „polnische Lager“, gar „polnische Konzentrationslager“, erklären wir, dass solche Wendungen grundsätzlich historisch falsch und geschichtsdidaktisch unzulässig sind. Im während des Zweiten Weltkriegs von Deutschen besetzten Polen (1939-1945) gab es ausschließlich deutsche (nationalsozialistische) Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager.

Wir fordern die Verlage, in deren Schulbüchern solch eine falsche Behauptung auftauchte, dazu auf:

1)      die fehlerhaften Formulierungen zu korrigieren,

2)      eine einschlägige Erklärung zu veröffentlichen,

3)      für Schüler und Lehrer, die bislang mit dem betreffenden Schulbuch arbeiten, zusätzliche Materialien zu erstellen und zugänglich zu machen, die die Rahmenbedingungen und den Verlauf der deutschen Besatzung in Polen und in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs vermitteln.

Um ähnlichen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen, fordern wir deutsche Geschichtslehrer, Historiker, Didaktiker und Verleger dazu auf, fehlerhaften Darstellungen, die derartige grobe Verfälschungen eines wichtigen zeithistorischen Themas bewirken können, entschieden entgegenzutreten.
Wir rufen Schulbuchverlage und Schulbuchautoren dazu auf, die aktuellen „Empfehlungen” der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission anzuwenden, die unter Wahrung des neuesten Forschungsstandes und der Anforderungen der Geschichtsdidaktik in Polen und Deutschland die wichtigsten historischen Fragen behandeln (Schulbuch Geschichte. Ein deutsch-polnisches Projekt – Empfehlungen, Göttingen 2012).

Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg                    Prof. dr hab. Robert Traba


Gedenken: Władysław Markiewicz im Alter von 97 Jahren verstorben

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission nimmt Abschied von einem, der die Geschicke der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission wie kein zweiter geprägt hat: Władysław Markiewicz. Dieser ist am 18. Januar 2017 in Warschau im Alter von 97 Jahren verstorben.

Władysław Markiewicz wurde 1920 in Ostrów in Großpolen geboren. 1941 kam er als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft nach Hessen und im Rahmen eines Bauzugs in die Wiener Neustadt. Ende 1941 wurde er wegen konspirativer Tätigkeiten zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, durch die er unter anderem etwa zwei Jahre im KZ Mauthausen-Gusen inhaftiert war. Nach dessen Befreiung kämpfte er in den polnischen Streitkräften in Italien und England und kehrte 1947 nach Polen zurück.

Nachruf

Erscheinen von Band 1: Ein Geschichtsbuch für Deutschland und Polen

Fotos: Bettina Ausserhofer für GEI

Am 22. Juni 2016 trafen sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, Polens Außenminister Witold Waszczykowski und der brandenburgische Ministerpräsident und Koordinator für deutsch-polnische grenznahe und zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit Dietmar Woidke in Berlin, um den ersten Band eines gemeinsamen Geschichtsbuchs unter dem Titel „Europa – Unsere Geschichte“ vorzustellen.

 „Es ist ein wunderbares Buch geworden, […] das hellhörig macht für Träume und Traumata, mit denen unsere Nachbarn die gemeinsame Geschichte verbinden“, lobte Minister Steinmeier das neue Geschichtslehrwerk bei der feierlichen Vorstellung in der Robert-Jungk-Oberschule. „Ein Buch, das hoffentlich hilft, einen gemeinsamen deutsch-polnischen Blick auf diese Geschichte zu entwickeln“. Minister Waszczykowski sagte, es werde den jungen Menschen ermöglichen, die historische Sensibilität der Nachbarn besser zu verstehen, den Dialog erleichtern, Stereotype überwinden helfen und größere Toleranz lehren.

Die Schulbuchreihe wird von den Verlagen Eduversum und WSiP verlegt. Herausgegeben wird sie von der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, in Kooperation mit dem Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Band 1 soll ab dem Schuljahr 2016/17 im deutschen und polnischen Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I in identischer Form, lediglich in unterschiedlichen Sprachfassungen, eingesetzt werden. Bedeutsam ist, dass es sich nicht um ein Zusatzmaterial, sondern um ein Schulbuch zur Geschichte Europas handelt, das den Lehrplänen entspricht.

Band 1, der nach vier Jahren intensiver Arbeit nunmehr vorgelegt werden kann und der der Auftakt einer vierbändigen Schulbuchreihe sein soll, ist ein deutsch-polnisches Gemeinschaftsprodukt auf verschiedenen Ebenen: Er entstand in enger Zusammenarbeit zwischen den Verlagen, Autoren, wissenschaftlichen Koordinatoren und Experten für bestimmte Epochen aus beiden Ländern, hauptsächlich aus den Reihen der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Unterstützt durch eine Vielzahl von Maßnahmen wie Lehrerfortbildungen soll das Buch nunmehr breit in die Schulpraxis beider Länder implementiert werden.

Das Programm der Veranstaltung vom 22.6.2016 finden Sie hier zum Download.

XXXVI. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz „Kommunikationsräume – Akteure, Praktiken und Umsetzungen in der schulischen Praxis“ 19.-21. Mai 2016: Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Foto: Dominik Pick
Foto: Dominik Pick
Foto: Thomas Strobel

Vom 19.-21. Mai 2016 veranstaltete die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission in Halle/Saale ihre XXXVI. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz unter dem Titel Kommunikationsräume – Akteure, Praktiken und Umsetzungen in der schulischen Praxis“. Damit verband sie Forschungen vor allem aus der Geschichtswissenschaft und der Geographie und knüpfte an ihren Forschungsschwerpunkt der letzten Jahre, das Konzept der „Kulturlandschaften“, an.

Welche Raumkonzepte gibt es in Schulbüchern? Wie werden diese visualisiert?  Welche Rolle spielen Migration und Kommunikationsräume in Schulbüchern – und welche Veränderungen hat es in diesem Bereich in den letzten Jahren gegeben? Das waren einige der Forschungsfragen, die die Kommission ins Zentrum ihres Interesses stellte. Ein besonderer Fokus wurde dabei zum einen auf die Akteure gelegt, die Kommunikationsräume prägen, zum anderem angesichts des Jubiläumsjahres 2017 auf „Kommunikationsräumen  der Reformation“.

Die diesjährige Konferenz stand zudem ganz im Zeichen des bevorstehenden Erscheinens von Band 1 des deutsch-polnischen Projektes „Schulbuch Geschichte“. In einem Workshop mit Lehrkräften beider Länder wurden ausgewählte Kapitel des Buches getestet. In zwei Sektionen der Konferenz ging es zudem um eine ausführliche Bilanz von Band 1, nicht zuletzt unter dem Blickwinkel von Kommunikationsräumen und kartographischen Fragestellungen.

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission nutzte den Rahmen dieser Konferenz zudem für einen Erfahrungsaustausch mit Mitgliedern der Polnisch-Ukrainischen Schulbuchkommission und mit bildungspolitischen Vertretern der in Deutschland lebenden Polen und der in Polen lebenden Deutschen.

Veranstalter der Konferenz waren die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, das Aleksander-Brückner-Zentrum für Polenstudien in Halle/Jena und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Gefördert wurde die Konferenz vom Auswärtigen Amt und von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit.

Programm (PDF)

Beitrag des polnischen Vorsitzenden Prof. Robert Traba zur Arbeit und heutigen Bedeutung der Kommission

(Dialog 113/2015)

 

 

Sitzung des Präsidiums der Schulbuchkommission 2015

Foto: B. Dziewanowski-Stefańczyk

Am 29./30. Mai 2015 kam das Präsidium der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission zu seiner jährlichen Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung standen verschiedene Publikationsprojekte, besonders der aktuelle Stand des deutsch-polnischen Geschichtsbuches und das Projekt eines Quellenbandes zur polnischen Geschichte in deutscher Sprache. Auch eine Reihe anderer aktueller Fragen der Arbeit der Kommission wurden besprochen. Gefördert wurde die Sitzung aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Photo: Instytut Studiów Politycznych PAN

Am 14. Januar 2015 starb im Alter von 84 Jahren der renommierte polnische Historiker Professor Jerzy Holzer

Die Bedeutung Jerzy Holzers für das Verständnis der deutschen Geschichte und der deutsch-polnischen Beziehungen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit seinen Publikationen zur Geschichte Deutschlands in der Weimarer Zeit und während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wie auch mit seinem herausragenden Werk über das Europa des Kalten Krieges (2013) gehörte er zur Riege der bedeutendsten europäischen Historiker.

In den schwierigen Zeiten der Volksrepublik zeigte er stets nicht nur eine würdige staatsbürgerliche Haltung, sondern engagierte sich auch aktiv in der demokratischen Oppositionsbewegung.

Nach dem Wendejahr 1989 wirkte er wesentlich dabei mit, die polnische Wissenschaftslandschaft neu zu gestalten. So war er Mitbegründer des renommierten Instituts für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Über viele Jahre hinweg war er Mitglied des Präsidiums der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Er unterstützte nicht nur die Idee eines polnischen historischen Instituts in Berlin, sondern wirkte nach dessen Gründung – zuerst als Wissenschaftliches Zentrum, später als Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften (2006) – auch aktiv an Projekten mit und brachte dabei stets sein Wissen und seine Erfahrung mit ein.

Im Frühjahr 2014 ernannte das Präsidium der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission Professor Jerzy Holzer einstimmig zu seinem Ehrenmitglied. In seinem Antwortschreiben führte er aus: „Ich nehme die mir zuteil gewordene Ehre selbstverständlich gerne an, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich dieser tatsächlich in ausreichendem Maße würdig bin. Da diese Entscheidung aber nun einmal so getroffen wurde, bleibt mir nichts übrig, als dazu zufrieden zu nicken.“

 

Prof. Robert Traba        

XXXV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz “Kulturlandschaften. Akteure und Modi ihrer Konstruktion und Narration”

11.-15. Juni 2014: Ciążeń (Adam-Mickiewicz-Universität Posen/Poznań)

Vom 11.-15. Juni 2014 veranstaltete die gemeinsame Schulbuchkommission in der früheren Bischofsresidenz Ciążeń ihre XXXV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz unter dem Titel „Kulturlandschaften. Akteure und Modi ihrer Konstruktion und Narration”. Damit verband sie entsprechende Forschungen aus der Geschichtswissenschaft, der Geographie und den Literaturwissenschaften und verortete sich in breiteren Forschungskontexten zu Raum und Landschaft. Die zentralen Bezugspunkte bildeten dabei deutsch-polnische Grenzräume sowie Erfahrungen aus der deutschen und polnischen Forschung.

Kulturlandschaft wird verstanden als eine durch den Menschen geformte natürliche Umgebung. Sie ist Teil des kollektiven Gedächtnisses und beeinflusst gleichzeitig dessen Formung. Dadurch steht sie für einen wesentlichen indentitätsstiftenden Faktor, bildet sie doch einen räumlichen Rahmen des Gedächtnisses (Jan Assmann). Das „Lesen” der Landschaft (Robert Traba) ermöglicht die Entdeckung weiterer kultureller Schichten (Palimpsest), die zusammen die Kulturlandschaften ausmachen und die Menschen, die in ihnen leben, prägen und beeinflussen.

Die Konferenz gliederte sich in fünf Sektionen: „Kulturlandschaften: Begriffe – Definitionen – Konzeptionelle Zugriffe”, „Kulturlandschaften im Spannungsfeld von Wissenschaft und Didaktik”, „Räumliche und symbolische Aneignung von Kulturlandschaften”, „Wandel von Kulturlandschaften und nachhaltige Entwicklung” sowie „Landschaft und kulturelles Erbe”. Die Tagung bildete den Rahmen für fachwissenschaftliche Diskussionen mehrerer Dutzend ausgewiesener Experten aus den Fächern Geschichte, Geographie, Soziologie, Kunstgeschichte und auch aus dem künstlerischen Bereich.

Das Ziel der Konferenz war eine interdisziplinäre Beschäftigung mit der Rolle, die Kulturlandschaften in Gesellschaften, speziell in den deutsch-polnischen Beziehungen, spielen. Dies erfolgte durch die Analyse von Kulturlandschaften in polnischen und deutschen Schulbüchern sowie den Versuch, die genannten Forschungen über die Landschaft an didaktische Fragen rückzukoppeln. Thema waren nicht zuletzt auch die Akteure, die die Vorstellungen von Kulturlandschaften sowie die Modi ihrer Konstruktion und Instrumentalisierung beeinflussen. In den Vorträgen ging es des Weiteren um die Einflüsse von Politik, Wirtschaft und Kommunikation auf die Landschaft sowie ihre kulturelle Umformung. Im Rahmen der Konferenz fanden auch zwei Studienexkursionen statt – zum Thema des Lesens der Landschaft von Ciążeń, Konin und Umgebung. Teil des Programms war eine Diskussion des Films „Erinnerung an Arbeit” gemeinsam mit dessen Regisseur Stephan Stroux.

Im Rahmen der Sitzung des Präsidiums der Schulbuchkommission wurden aktuelle Fragen der Arbeit der Kommission sowie zukünftige Aktivitäten besprochen.

Veranstalter der Konferenz waren die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung und die Adam-Mickiewicz-Universität Poznań.

Gefördert wurde die Konferenz von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań und dem Auswärtigen Amt.

Konferenzprogramm

Verleihung des Maria-Wawrykowa-Preises an Manfred Mack

Fotos: Wojciech Olejniczak, Fundacja Tres

Im Rahmen ihrer XXXV. Deutsch-Polnischen Schulbuchkonferenz im Juni 2014 in Ciążeń hat die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission Manfred Mack (Deutsches Polen-Institut Darmstadt) mit dem Maria-Wawrykowa-Preis geehrt. Die Kommission würdigte damit Manfred Macks langjähriges Engagement im deutsch-polnischen Schulbuchdialog und besonders sein Wirken als Multiplikator bei der schulischen Vermittlung der Anliegen der gemeinsamen Schulbuchkommission.

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission verleiht seit 2005 alle zwei Jahre einen Preis für besondere Leistungen im Rahmen des deutsch-polnischen Schulbuchdialogs. Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, das Wissen um die Geschichte des Nachbarlandes wie auch der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte im Schulunterricht zu vergrößern und für unterschiedliche Arten ihrer Erinnerung zu sensibilisieren.

Seit dem Tod Maria Wawrykowas (1925-2006) trägt der Preis der Schulbuchkommission ihren Namen. Maria Wawrykowa  war 1972 eine der Mitbegründerinnen der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und war fast 30 Jahre lang eine der tragenden Säulen ihrer Arbeit. Maria Wawrykowa hatte das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Nach dem Krieg studierte sie Geschichte. Ab 1975 war sie Professorin für Geschichte an der Universität Warschau, mit Schwerpunkt auf der deutschen Geschichte und den deutsch-polnischen Beziehungen des 19. Jahrhunderts.

Frühere Preisträger waren die Historiker Andrzej Garlicki, Wolfgang Jacobmeyer und Zofia Kozłowska, der Journalist Jürgen Vietig sowie der polnische Gründungsvorsitzende der Schulbuchkommission Władysław Markiewicz.

Preisverleihung in Warschau 2012

Hohe Auszeichnungen für Mitglieder der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission

Im Rahmen einer Festveranstaltung an der Warschauer Universität erhielten anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission mehrere ihrer langjährigen Mitglieder hohe Auszeichnungen: Klaus Zernack (Deutscher Vorsitzender von 1987-2000), Włodzimierz Borodziej (Polnischer Vorsitzender von 1997-2007), Jerzy Holzer (langjähriges Präsidiumsmitglied) und Michael G. Müller (Deutscher Vorsitzender von 2000-2012) wurde mit den KEN-Medaillen (Komisja Edukacji Narodowej) die höchste Auszeichnung des Polnischen Bildungsministeriums zuteil. In seiner Laudatio dankte der stellvertretende Bildungsminister Mirosław Sielatycki den vier Professoren für ihre Beiträge zur Vertiefung des deutsch-polnischen Dialogs in Bildungsfragen.

Zuvor hatte die deutsch-polnische Schulbuchkommission Władysław Markiewicz mit dem Maria-Wawrykowa-Preis geehrt. Mit dieser Auszeichnung ehrt die Schulbuchkommission Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um den deutsch-polnischen Schulbuchdialog verdient gemacht haben. Mit seinem langjährigen Engagement im deutsch-polnischen Dialog und als Gründungsvorsitzender der Schulbuchkommission habe Władysław Markiewicz – so Rudolf von Thadden in seiner Laudatio – die Annäherung der beiden Länder im Bereich der Wissenschaft nachhaltig mit gestaltet.

Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission wurde 1972 unter der Schirmherrschaft der UNESCO und auf maßgebliche Initiative von Georg Eckert hin gegründet und wurde zu einer institutionalisierten Plattform des Dialogs zwischen deutschen und polnischen Historikern und Geographen. Ihr 40-jähriges Jubiläum steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Republik Polen Bronisław Komorowski und des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Am 24. Mai begeht das Georg-Eckert-Institut das 40-jährige Jubiläum der Kommission mit einem feierlichen Festakt in Braunschweig.

Programm der Preisverleihung und Podiumsdiskussion an der Universität Warschau, 16. April 2012

Festakt 40 Jahre Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission

200 geladene Gäste hörten an dem Ort, an dem Georg Eckert und Władysław Markiewicz im Oktober 1972 die Gründungsurkunde der Schulbuchkommission im Rahmen der UNESCO unterzeichnet hatten, die Einschätzungen von Vertretern aller wichtiger an der Kommission beteiligten Institutionen. So würdigte etwa Staatsministerin Cornelia Pieper vom Auswärtigen Amt die Kommission als „bleibendes, herausragendes Beispiel dafür, wie sich auch in Zeiten politisch verhärteter Verhältnisse Formen der Kooperation gestalten lassen, wenn man sich auf gesellschaftlicher Ebene zu einem offenen Dialog zusammensetzt.“ Auch der polnische Botschafter Marek Prawda oder die Vertreter der Deutschen bzw. der Polnischen UNESCO-Kommission, Verena Metze-Mangold und Sławomir Ratajski, würdigten den Pioniercharakter der Arbeit der Kommission in den 1970er Jahren. Auf das „Leuchtturmprojekt“ (Pieper) des gemeinsamen Geschichtsbuches und seinen Einsatz in den deutschen Ländern bezogen sich vor allem der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik und der Vertreter des niedersächsischen Kultusministeriums Heiner Hoffmeister.

Mit ganz neuen Perspektiven auf die Schulbuchkommission und das gemeinsame Schulbuchprojekt wartete Adam Michnik in seinem Festvortrag auf. Er riet – auch in aktuellen Diskussionen – dazu, bei der Beurteilung des deutsch-polnischen Verhältnisses dieses nicht zu stark zu verengen, sondern etwa um die Faktoren Russland und Ukraine zu erweitern.

Im Rahmen des Festaktes wurden die von der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission maßgeblich mit gestalteten Empfehlungen für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch als Publikation innerhalb der neuen Reihe „Eckert. Expertise“ vorgestellt.

Programm des Festaktes 40 Jahre Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, Braunschweiger Altstadtrathaus, 24. Mai 2012

Jubiläumskonferenz 2012

XXXIV. Deutsch-Polnische Schulbuchkonferenz

„Religiöse und konfessionelle Räume in den deutsch-polnischen Beziehungen. Forschung und Darstellung im Unterricht“
Georg-Eckert-Institut Braunschweig, 24.-26. Mai 2012

Dass die Schulbuchkommission trotz ihres Engagements im Projekt „Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch“ auch weiterhin bestrebt ist, fachwissenschaftliche Impulse zu setzen, zeigte sie mit ihrer Konferenz unter dem Titel „Religiöse und konfessionelle Räume in den deutsch-polnischen Beziehungen. Forschung und Darstellung im Unterricht“.

Lange Zeit waren auch in der Geschichtswissenschaft konfessionelle Elemente als Momente der nationalen Abgrenzung begriffen worden. Doch die Parameter der Analyse haben sich verändert und ins Zentrum des Interesses gerückt sind konfessionelle Räume, die nicht deckungsgleich mit nationalen Räumen sind. Die die Konferenz durchziehenden, von Michael G. Müller eingeführten Ordnungsbegriffe waren erstens die der Handlungsräume, die – etwa bei der Kirchenorganisation oder bei konfessionellen Bewegungen – in engem Zusammenhang zu politischer Gemeinschaftsbildung stehen und fast immer transnational funktionieren. In den Kontext von Handlungsräumen gehört etwa der Faktor Religion im Zuge der Herrschaftsbildung und die Bedeutung der Annahme des Christentums bei der Modernisierung gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen. Zweitens wurde nach virtuellen Räumen gefragt – nach Räumen der Projektion und der imaginierten Gemeinsamkeit.

Methodologisch konstitutiv für die Konferenz der Schulbuchkommission war es, die Akteure ins Zentrum der Untersuchungen zu stellen und nach den Logiken ihres Handelns bei der Entstehung und dem Wandel konfessioneller Räume zu fragen. Anhand von Fallbeispielen aus den verschiedensten Kontexten kann geschlossen werden, dass konfessionelle Räume ihre je eigenen Entwicklungslogiken besitzen und es gleichzeitig verschiedene, sich überlappende konfessionelle Landschaften und religionspolitische Agenden geben kann.

In zwei getrennten Sitzungen befassten sich die Geographen mit „Migration im deutsch-polnischen Kontext“. Die Beiträge spannten den Bogen von Migrationstheorien, Wohnsitzverlagerungen im Grenzgebiet und der Bildung von grenzüberschreitendem Regionalbewusstsein, dem Migrationsverhalten der „kreativen Klasse“, zu Suburbanisierungsprozessen um polnische und deutsche Großstädte und internationalen Wanderungen am Beispiel der polnischen Migration in den Großraum Dublin. 

Das abschließende Panel der Konferenz war dem Verhältnis von „Religion und Raum“ gewidmet. Religiöse Orte wie Kirchen werden im Grenzraum zu Stätten, die im Rahmen zivilgesellschaftlicher Wiederaufbauinitiativen für Werte wie Versöhnung, Verständigung und Ökumene stehen. Der abschließende Beitrag reflektierte den Landschaftsbegriff und seine Bedeutungsfelder und thematisierte die Bedeutung des Symbolischen bei der religiösen Deutung und Aneignung von Landschaft. Hier wurde der Bedarf deutlich, sich intensiver mit der Fragestellung von „Raum“ und „Landschaft“ zu beschäftigen – ein Thema, das für die nächste Schulbuchkonferenz ins Auge gefasst wurde.

Diese wird allerdings unter einem neuen deutschen Vorsitzenden tagen: Michael G. Müller (Halle) hat nach 12 Jahren sein Amt als deutscher Co-Vorsitzender an Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen) übergeben, bleibt aber gemeinsam mit Robert Traba (Berlin/Warschau) Vorsitzender des Expertenrates des Projektes „Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch“.

Programm der XXXIV. Deutsch-Polnischen Schulbuchkonferenz